Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden in München die ersten großen Lagerhäuser für Getreide. Kaufleute und Handwerker merkten, dass die alten Märkte zu klein geworden waren. Zwischen 1851 und 1853 errichtete der Architekt Karl Muffat die Schrannenhalle, in der gleichzeitig hunderte Tonnen Getreide gelagert und gehandelt werden konnten. Später entstanden Lager an den Eisenbahnlinien, während einige alte Gebäude zu Märkten, Ausstellungshallen oder Wohnungen umgebaut wurden. So integrierten sich die Speicher und Silos allmählich in das moderne Stadtbild. Mehr zu munichname.eu.
Getreidemarkt und die ersten Lagerbauten
Bevor große Handelshallen gebaut wurden, verkaufte man Getreide in München auf offenen Märkten. Der wichtigste Platz war der Marienplatz, der früher Schrannenplatz hieß. Schon bald reichte seine Fläche nicht mehr aus, besonders als in den 1840er-Jahren der Import von Getreide aus Bayern und den Nachbarregionen zunahm.
Zwischen 1851 und 1853 entstand nach den Plänen von Karl Muffat die Schrannenhalle – ein Bau von etwa 430 Metern Länge und 18 Metern Breite. Ihr Gerüst bestand aus Metallträgern und Holzböden, was eine klare Trennung der Getreidepartien und gleichzeitig den Handel ermöglichte. Die Halle konnte mehrere hundert Tonnen aufnehmen, und die Konstruktion erleichterte das Be- und Entladen.

Ein Problem blieb jedoch ihre Lage: Die Schrannenhalle lag weit entfernt von der Eisenbahn, wodurch der Transport aufwendig war. Daher entstanden bald neue Lagerhäuser in Bahnhofsnähe. Im Stadtteil Fröttmaning wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts die ersten hölzernen und gemauerten Getreidespeicher errichtet. Sie ermöglichten eine schnelle Verarbeitung großer Mengen und die Verladung direkt in Waggons.
Mit der Zeit verloren viele Gebäude ihre ursprüngliche Funktion. Die Schrannenhalle wurde zum Markt- und Ausstellungsraum, einige Silos verwandelte man in Wohn- und Bürohäuser. So legten die ersten Getreidespeicher den Grundstein für Münchens moderne Industrie- und Handelsinfrastruktur.
Transformation der Getreidespeicher
Ende des 19. Jahrhunderts setzten sich in Europa Silos und große Getreidelager durch. In München zeigte sich dieser Trend zwischen 1898 und 1921, als die ersten spezialisierten Getreidelagerhäuser und Silos entstanden. Sie ermöglichten die Lagerung großer Mengen und verringerten Verluste.
Viele ältere Gebäude wurden modernisiert – etwa durch hölzerne oder stahlbetonene Silos. Auf dem Gelände des Hofguts Freiham hat sich ein dreigeschossiger Holzspeicher erhalten. In solchen Bauwerken konnte das Getreide bequem sortiert werden, während die Höhe der Türme die Nutzung von Schwerkraftsystemen beim Be- und Entladen erleichterte.

Einige Bauwerke verloren ihre ursprüngliche Rolle. Die Schrannenhalle diente zunehmend als Markt-, Messe- oder Veranstaltungsraum. Andere Speicher wurden für Industrieprodukte oder kulturelle Zwecke genutzt. Teile dieser Architektur blieben erhalten – insbesondere im Werksviertel und auf ehemaligen Agrarflächen. Manche Silos wurden abgerissen, etwa nahe der Allianz Arena. Bei neuen Projekten achtet man jedoch darauf, Metall- und Holzkonstruktionen als Teil des industriellen Erbes zu bewahren.
So sind Silos und alte Lagerhäuser heute fester Bestandteil des Münchner Stadtbilds – ein sichtbares Zeugnis der industriellen Vergangenheit.

Logistik, Wirtschaft und die Rolle der Speicher
Nach 1869, als Münchens Eisenbahnnetz erweitert wurde, nahm der Getreideimport stark zu. Händler forderten eine schnellere Lagerung und Verarbeitung. Große Speicher in Bahnhofsnähe wurden notwendig, um den Warenfluss effizient zu gestalten. Klassische ebenerdige Lager galten bald als unrentabel. In der Fachzeitschrift Über Getreidemüllerei von 1896 hieß es: „Entscheidend ist die unmittelbare Nähe zu Verkehrswegen und Eisenbahnen.“
Die Stadtplanung reagierte darauf: Neue Speicher entstanden in Industriegebieten und am Stadtrand. In Fröttmaning etwa wurden Holz- und Ziegelspeicher gebaut, die große Mengen aufnehmen und rasch in Waggons verladen konnten. Mit der Zeit rückten diese Lager in die wachsende Stadt, viele wurden in Büro-, Markt- oder Wohnräume umgewandelt. Gleichzeitig prägten alte Bahnknoten und Speicher die Struktur neuer Stadtviertel.
Mit den wirtschaftlichen Veränderungen wandelte sich auch das Leben der Händler und Arbeiter. Für sie entstanden Wohnheime und Kantinen, in denen sie essen und sich nach der Arbeit erholen konnten. Oft richtete man kleine Vereinsräume ein, um sich auszutauschen und Gemeinschaft zu pflegen. So bildete sich eine eigene soziale Struktur rund um die Arbeit in den Getreidespeichern.
Neues Denken, Umnutzung und Erbe
Im Jahr 2003 wurde die Schrannenhalle am Viktualienmarkt restauriert und am 5. September 2005 als moderner Marktplatz mit Gastronomie wiedereröffnet. Metallgerüste und große Glasfassaden blieben erhalten. Das Architekturbüro Oliv Architekten schuf darin Bereiche für Deli-Shopping, Restaurants und Marktstände unter einem Dach.

Auch im Osten Münchens, rund um den Ostbahnhof, werden alte Industriegebäude und Silos neu genutzt. Ein Beispiel ist das Werk 4 – ein ehemaliger Kartoffelsilo der Pfanni-Fabrik. Die Außenhülle blieb erhalten, im Inneren entstanden Hostel und Hotel. Höhe: 86 Meter, Fertigstellung 2020. Ein weiteres Projekt ist Optineo: Auf dem früheren Optimol-Gelände steht heute ein 65 Meter hoher Bürokomplex mit Dachterrassen und einer Fassade, die Geschichte und Moderne verbindet.
Im selben Viertel entsteht das Projekt LOVT Vibe – ein Bürokomplex mit rund 16 000 m² Fläche in hybrider Holzbauweise. Diese Projekte zeigen, wie alte Industrieareale zu modernen Lebens- und Arbeitsräumen werden. Historische Fassaden werden bewahrt, während Innenräume für Büros, Hotels oder Kulturstätten neu gestaltet werden. So bleibt das industrielle Erbe Münchens sichtbar und erhält eine neue Funktion im urbanen Leben.
Quellen:
